Über drei Jahrzehnte Digitalisierung – erlebt, gestaltet und begleitet

06.07.2026 - Die Digitalisierung im Gesundheitswesen hat in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Veränderungen hervorgebracht. Kaum jemand hat diese Entwicklung so intensiv begleitet wie Franz-Josef Eschweiler. Von den Anfängen der elektronischen Abrechnung über die Einführung der Krankenversichertenkarte und die Entwicklung von D2D bis hin zur Telematikinfrastruktur war er über viele Jahre hinweg an entscheidenden Projekten beteiligt. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand blickt er auf prägende Stationen seines beruflichen Werdegangs zurück.

Über den Blick in die Vergangenheit und den Stand der Digitalisierung heute, spricht Franz-Josef Eschweiler, ehemaliger Mitarbeiter der IT-Beratung KVNO im daten-strom-Interview.

© Franz-Josef Eschweiler: Mein Rat an die jungen IT-Fachkräfte:
immer offen sein für Neues und sich fortbilden „bis der Arzt kommt.“

© Franz-Josef Eschweiler: Mein Rat an die jungen IT-Fachkräfte: immer offen sein für Neues und sich fortbilden „bis der Arzt kommt.“

Lieber Herr Eschweiler, wie sind Sie Anfang der 1990er Jahre zur IT im Gesundheitswesen gekommen?

Mit meinem Mathematikstudium suchte ich neue Herausforderungen und entdeckte ein interessantes Einsteigerangebot bei der KBV, was mein Interesse geweckt hatte.

Was hat Sie damals an der Arbeit bei der KBV besonders gereizt?

Es war total spannend, an der Entwicklung für die elektronische Abrechnung und auch an deren Einführung auf dem Praxiscomputermarkt entscheidend beteiligt zu sein.

Sie waren bereits bei der Einführung der Krankenversichertenkarte dabei. Wie haben Sie diese Phase erlebt?

Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass zunächst Drucker-Lesegerät-Kombinationen an Praxen verteilt wurden, um die Daten der Krankenversichertenkarte fehlerfrei auf einen papiernen Schein zu drucken.

„Für viele Praxen war dies der Auftakt zum Einstieg in die Digitalisierung.“

Welche Bedeutung hatten aus Ihrer Sicht Themen wie ADT/KVDT oder die ersten Standardisierungen für die Entwicklung der Praxis-IT?

Damit begann ein kolossaler Aufschwung des Praxiscomputermarktes. Für viele Praxen war dies der Auftakt zum Einstieg in die Digitalisierung.

1995 haben Sie an einem frühen Pflichtenheft für Softwarehäuser mitgewirkt. Welche Herausforderungen gab es damals bei der Definition von Anforderungen?

Die KBV hat zwar die Hoheit über die Quartalsabrechnung und deren Daten, aber sie hat nicht originär das Wissen rund um die IT-Anforderungen in der Praxis. Damit war es sinnvoll und notwendig, auch den Praxiscomputermarkt in die Entwicklung miteinzubinden. Der Austausch war intensiv und kommunikativ herausfordernd. Letztlich entstand mit der Zeit ein formal korrektes, aber auch ein akzeptiertes Pflichtenheft als Grundlage für die Prüfung bei der KBV.

Was waren die Gründe für Ihren Wechsel von der KBV zur KV Nordrhein?

Die KBV zog mit der Jahrtausendwende von Köln nach Berlin. Der Umzug kam aus familiären Gründen für mich nicht in Frage.

Welche neuen Gestaltungsmöglichkeiten haben sich für Sie dort ergeben?

Ich durfte Teil eines Teams sein, das der damalige Vorstand der KV Nordrhein zur Einführung der digitalen Kommunikation zwischen Praxen berufen hatte. Mit Hilfe des Fraunhofer-Instituts entstand der Kommunikationsstandard „D2D“.

D2D ist ein gutes Stichwort. Sie waren maßgeblich an der Entwicklung von D2D beteiligt. Welche Ziele standen dabei im Vordergrund?

Ziel war die Entwicklung einer „Fallakte“, auf die beteiligte Praxen nach Einwilligung von Patienten Zugriff haben. Die Entwicklung hat jedoch schnell gezeigt, dass zunächst eine standardisierte, einfache, digitale und datenschutzkonforme Kommunikation – quasi die E-Mail zwischen Praxen – notwendig ist, um Akzeptanz zu erreichen.

Und wie wurde D2D damals von den Praxen angenommen?

Die Fallakte spielte bei D2D keine nennenswerte  Rolle in den Praxen. Aber die Übermittlung der digitalen Quartalsabrechnung, der Unfallberichte an die DGUV und später auch der eArztbrief brachten für D2D eine hohe Akzeptanz.

„D2D war ein entscheidender Vorläufer und Auftakt der digitalen Kommunikation im Gesundheitswesen.“

Welche Bedeutung hatte D2D rückblickend für die digitale Vernetzung im Gesundheitswesen?

D2D war ein entscheidender Vorläufer und Auftakt der digitalen Kommunikation im Gesundheitswesen.

Nicht nur D2D war wegweisend, sondern die KV Nordrhein war auch Vorreiter bei der qualifizierten Signatur in der Quartalsabrechnung. Wie kam es dazu?

Neben der Abrechnung müssen Praxen zusätzlich ein Dokument einreichen, das rechtsverbindlich und unabstreitbar von der verantwortlichen Person unterschrieben ist. Als die ersten Signaturkarten und auch der elektronische Heilberufeausweis auf den Markt kamen, hat dies die KV Nordrhein zum Anlass genommen, die Digitalisierung der Abrechnung zu vervollständigen. Praxen konnten nun die Abrechnung und zusätzlich die sogenannte „Sammelerklärung“ digital und qualifiziert signiert einreichen. Es gab eine hohe Nachfrage auf das Verfahren, da die KV Nordrhein die Umsetzung in den Praxen mit einem Bonus auf Verwaltungskosten besonders motiviert hat.

Welche Hürden mussten bei solchen Innovationen überwunden werden?

Erstmalig gab es für Praxen ein zusätzliches separates Lesegerät für die Signaturkarte, Signatursoftware und eine Signaturkarte, was alles in die Praxissoftware eingebunden werden musste. Damit existierten auch zusätzliche diverse Fehlerquellen, auf die Softwarehäuser und die KV Nordrhein sensibel reagieren mussten.

Apropos Hürden: Sie waren viele Jahre Ansprechpartner für IT-Fragen aus den Praxen. Was waren die häufigsten Herausforderungen?

Heterogene Voraussetzungen der Ratsuchenden machten es nicht immer einfach, Verständnis für IT zu erzielen. So war und ist die IT-Beratung immer gefordert, technisch komplexe Sachverhalte so zu verdichten und zu verkürzen, ohne wesentliche Momente zu vernachlässigen. Bei zunehmender Komplexität der Digitalisierung konnte die IT-Beratung darüber hinaus nicht mehr konkrete technische Hilfe leisten. Sie wurde eher zum Vermittler zwischen Praxen und dem IT-Support der betreuenden Unternehmen.

In dem Zusammenhang wurde 2014 die IT-Beratung institutionalisiert. Wie hat sich dadurch die Zusammenarbeit mit den Praxen verändert?

Es gab einen Run auf die IT-Beratung. Die Praxen schätzten die ganzheitliche Sichtweise zusammen mit den anderen Beratungsfeldern, vor allem beim Praxisstart.

Es wurde ja auch ein Schulungs- und Seminar-Angebot für die Mitglieder etabliert. Welche Rolle spielten Schulungen und Seminare in Ihrer Arbeit?

Die Vermittlung von komplizierten und komplexen IT-Themen ist im heterogenen Feld einfacher im direkten Dialog mit den Teilnehmenden am Seminar. Die Seminar-Angebote wurden von den Praxen gut angenommen.

„Es gab Chaos pur! Am Anfang waren alle Beteiligten mit der Situation überfordert.“

Ein Riesenprojekt war die Einführung der Telematikinfrastruktur (TI) ab 2017. Wie haben Sie das erlebt?

Es gab Chaos pur! Am Anfang waren alle Beteiligten mit der Situation überfordert.

Wo lagen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen – technisch, organisatorisch oder politisch?

Die technische Entwicklung der TI war gerade wegen der Datenschutzanforderungen höchst komplex. Zudem gab die Politik zu wenig Raum und Zeit für die Erprobung, sodass der Lackmustest bei den Praxen lag. Die politisch Verantwortlichen wollten mit Blick auf den Einführungszeitpunkt zu schnell zu viel. Entsprechend groß war bei den häufig auftretenden Fehlern – beispielsweise im Zusammenhang mit dem Konnektor – die Enttäuschung und die Wut vieler Praxen. Die Akzeptanz mit Blick auf die TI fiel in den Keller.

Welche Auswirkungen hatte diese Phase auf die Praxen und deren Vertrauen in die Digitalisierung?

Die häufigen technischen Probleme und die damit verbundenen Belastungen führten in vielen Praxen zu einer spürbaren Verunsicherung. Gerade dort, wo Digitalisierung zuvor eher positiv wahrgenommen wurde, entstanden Zweifel an der Praxistauglichkeit neuer Anwendungen. Das Vertrauen in die TI hat dadurch bei vielen Verantwortlichen gelitten und wirkt teilweise bis heute nach.

Trotz dem großen Vertrauensverlust in die Telematik - wo stehen wir heute – und was hat sich aus Ihrer Sicht verbessert?

Glücklicherweise stehen heute die verantwortlichen Instanzen auf Bundesebene bei der Anpassung technischer IT-Vorgaben im Dialog mit der Softwareindustrie. Das entspannt zwar, aber die Entwicklung der nächsten Jahre ist dennoch enorm und bleibt herausfordernd.

Wenn Sie auf die Arzt- und Psychotherapiepraxen der frühen 1990er Jahre und die Praxen von heute blicken: Was hat sich aus Ihrer Sicht am stärksten verändert?

Wenn ich die Verantwortlichen der Praxen der frühen 1990er Jahre betrachte, sehe ich heute eine viel stärkere Diskrepanz in der Akzeptanz digitaler Methoden im Vergleich zu Jung und Alt. Gleichwohl ist die digitale Bearbeitung von Standardprozessen in den Praxen dank der Praxisteams erfreulicherweise in Fleisch und Blut übergegangen.

Zur Person

Franz-Josef Eschweiler war über viele Jahre bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sowie der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KV Nordrhein) tätig. Er begleitete zahlreiche Meilensteine der Digitalisierung im Gesundheitswesen – von der Einführung der Krankenversichertenkarte über den Kommunikationsstandard D2D bis hin zur Telematikinfrastruktur. Mit seinem Eintritt in den Ruhestand endet eine langjährige Tätigkeit, die die Digitalisierung in Arzt- und Psychotherapiepraxen nachhaltig mitgeprägt hat.

Wenn wir mal positiv in die Zukunft schauen: Welche Erwartungen haben Sie an die weitere Entwicklung der Telematikinfrastruktur?

Ich habe die Hoffnung, dass am Beispiel des eRezepts das Handling von TI-Anwendungen einfacher wird. Der Abruf des eRezepts durch das Stecken der elektronischen Gesundheitskarte in der Apotheke war für Anwender der Gamechanger. Mehr so!

Ich habe zudem die Hoffnung, dass auch die Technik selbst mit Blick auf die Ablösung des Konnektors in den nächsten Jahren zunehmend fehlerfreier läuft.

Wenn Sie gestatten, würde ich mir noch einen persönlichen Rückblick wünschen. Worauf sind Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn besonders stolz?

Es war rückblickend toll, in entscheidenden Phasen der IT im Gesundheitswesen mitgewirkt zu haben. Ob es das erste Pflichtenheft für Softwarehäuser war oder die erste digitale Kommunikation zwischen Praxen mit D2D – entscheidend und prägend war für mich immer der Kontakt und Austausch mit Menschen, die Änderungen des Status quo herbeiführen wollten.

Und so vermisse ich die langjährigen Kontakte zu vielen lieben Menschen im beruflichen Umfeld.

Noch eine Frage zum Faktor „Mensch“: Welchen Rat würden Sie jungen IT-Fachkräften geben, die heute ins Gesundheitswesen einsteigen?

Entscheidend ist durchweg das authentische Verhalten. Natürlich ist Fachwissen wichtig, aber fehlende Kenntnisse kann man sich aneignen. Daher auch mein Rat: immer offen sein für Neues  und sich fortbilden  „bis der Arzt kommt“.

Zum Ende des Interviews würde ich mir noch interessieren, wie gestalten Sie Ihren neuen Lebensabschnitt im Ruhestand?

Fitness, Wandern, Fahrrad, Museen und mit Freunden so viel unternehmen wie möglich. Endlich kann ich den Garten bearbeiten, wenn das Wetter mitspielt und nicht, wenn der Beruf es erlaubt. Die IT ist auch immer dabei und die „c’t“ ist weiterhin abonniert. Und vermutlich kommt mit der Zeit noch die ein oder andere gemeinnützige Aktion in meinem Wohnumfeld dazu.

Lieber Herr Eschweiler,

bevor wir dieses Interview schließen, möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen auch persönlich ein herzliches Dankeschön auszusprechen.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke in Ihr bewegtes Berufsleben und für die zahlreichen Geschichten aus über drei Jahrzehnten Digitalisierung im Gesundheitswesen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie viele Entwicklungen Sie begleitet und mitgestaltet haben.

Ich selbst durfte Sie vor inzwischen mehr als zwanzig Jahren erstmals auf der D2D-Anwenderkonferenz am 7. März 2006 in Düsseldorf kennenlernen. Seit dieser Zeit waren Sie für mich und viele andere Kolleginnen und Kollegen stets ein kompetenter Ansprechpartner rund um die Digitalisierung im Gesundheitswesen, die Telematikinfrastruktur sowie die Themen Datenschutz und Datensicherheit.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass Sie bei allen technischen Entwicklungen nie die Perspektive der Arzt- und Psychotherapiepraxen aus den Augen verloren haben. Man hatte jederzeit den Eindruck, dass Sie mit großem Herzblut, persönlichem Engagement und dem ehrlichen Wunsch nach praktikablen Lösungen bei der Sache waren. Sie haben sich Zeit genommen, zugehört und gemeinsam nach Lösungen gesucht – Eigenschaften, die heute keineswegs selbstverständlich sind.

Ihr Ruhestand ist nach einem so langen und engagierten Berufsleben mehr als verdient. Gleichzeitig verabschiedet sich mit Ihnen eine außergewöhnliche Wissensdatenbank, deren Erfahrung, Sachverstand und Menschlichkeit viele Menschen im Gesundheitswesen über Jahrzehnte begleitet haben. Ich danke Ihnen – auch im Namen vieler Praxen und Wegbegleiter – für Ihren unermüdlichen Einsatz und die vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Für Ihren neuen Lebensabschnitt wünsche ich Ihnen von Herzen Gesundheit, viele schöne Momente mit Familie und Freunden, Zeit für Ihre Hobbys und vor allem die Freiheit, all das zu tun, wofür im Berufsalltag oft zu wenig Zeit geblieben ist.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Ihren wohlverdienten Ruhestand!

© Von Thomas Klug, daten-strom.Medical-IT-Services GmbH

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