Cybersicherheit und digitale Resilienz im Gesundheitswesen: „Eigentlich ist es schon fünf nach zwölf“

12.10.2026 - Interview mit Prof. Dr. Gisbert Knichwitz, MBA, Vorsitzender des Fortbildungsausschusses der Nordrheinischen Akademie für ärztliche Fort- und Weiterbildung, anlässlich des Ärztekongresses ä26 in Bonn.

Cybersicherheit gehört auf die Fortbildungsagenda

Die Digitalisierung verändert das Gesundheitswesen grundlegend. Künstliche Intelligenz, die zunehmende Vernetzung medizinischer Einrichtungen und die wachsende Nutzung elektronischer Gesundheitsdaten eröffnen neue Möglichkeiten für Forschung, Diagnostik und Patientenversorgung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Datenschutz, Informationssicherheit und digitale Widerstandsfähigkeit.

Auf dem Ärztekongress ä26, der vom 7. bis 10. Oktober 2026 in Bonn stattfand, rückten diese Herausforderungen auch durch die gemeinsame Präventionsarbeit des Polizeipräsidiums Köln und der daten-strom.Medical-IT-Services GmbH in den Fokus.

Im Gespräch mit Thomas Klug erläutert Prof. Dr. Gisbert Knichwitz, MBA, Vorsitzender des Fortbildungsausschusses der Nordrheinischen Akademie, warum Gesundheitsdaten besonders schützenswert sind, welche Chancen und Risiken er beim Einsatz Künstlicher Intelligenz sieht und weshalb Cybersicherheit künftig wieder einen größeren Stellenwert in der ärztlichen Fortbildung erhalten soll.

Das Interview

Thomas Klug: Herr Professor Knichwitz, wie fällt Ihre Bilanz des diesjährigen Ärztekongresses ä26 aus, insbesondere auch hinsichtlich des Interesses an Themen rund um Digitalisierung, Datenschutz und Cybersicherheit im Gesundheitswesen?

Prof. Dr. Gisbert Knichwitz: Das ist ein sehr bedeutendes Thema, das wir zurzeit wieder stärker aufgreifen müssen. Eigentlich hatten wir uns bereits vor drei Jahren auf dem Kongress damit beschäftigt und entsprechende Veranstaltungen zu Künstlicher Intelligenz und digitaler Sicherheit durchgeführt. Angesichts der zahlreichen aufgetretenen Sicherheitslücken und Probleme besteht der Wunsch, ein entsprechendes Fortbildungsangebot dauerhaft zu verankern. Die Situation hat sich insbesondere in den vergangenen ein bis zwei Jahren durch die politischen Entwicklungen und die damit verbundenen Unsicherheiten weiter verschärft.

Hinzu kommt das Thema Künstliche Intelligenz. Es wird immer deutlicher, welche Möglichkeiten KI im Gesundheitswesen eröffnet. Gleichzeitig gewinnt der digitale Schutz angesichts der gesamtpolitischen Lage erheblich an Bedeutung – noch stärker, als dies vor drei Jahren der Fall war.

Thomas Klug: Welche Bedeutung messen Sie der Cybersicherheit und der digitalen Widerstandsfähigkeit medizinischer Einrichtungen im Rahmen der ärztlichen Fort- und Weiterbildung bei?

Prof. Dr. Gisbert Knichwitz: Die Veränderungen, die durch Künstliche Intelligenz auf unser Gesundheitssystem zukommen, sind gewaltig. In den nächsten Jahren werden wir diese Entwicklungen noch wesentlich stärker erleben. KI basiert im Wesentlichen auf Mustererkennung. Und für diese Mustererkennung benötigen wir – das wissen wir auch aus zahlreichen Forschungsprojekten – Patientendaten.

Wenn wir beispielsweise digitale medizinische Bilder auswerten oder Vergleichsuntersuchungen zwischen Patienten durchführen möchten, benötigen wir sehr große Datenmengen. Für bestimmte Anwendungen können das z. B. drei Millionen Patientendatensätze sein, um eine entsprechende Mustererkennung durchführen zu können. Selbstverständlich müssen diese Daten anonymisiert zur Verfügung gestellt werden. Schon heute lassen sich daraus viele bemerkenswerte Möglichkeiten entwickeln.

Wir verfügen beispielsweise über die elektronische Gesundheitskarte und die damit verbundenen Möglichkeiten der digitalen Gesundheitsversorgung. Dadurch können Informationen über Erkrankungen schneller verfügbar gemacht und geeignete Behandlungs- oder Aufnahmeorte gefunden werden. Solche Prozesse lassen sich zunehmend auch KI-gestützt unterstützen. Dafür müssen allerdings zahlreiche Krankheitsverläufe anonymisiert erfasst und ausgewertet werden.

Auf diese Weise können wir untersuchen, wie unterschiedliche Erkrankungen verlaufen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse kommen wiederum den einzelnen Patientinnen und Patienten zugute, beispielsweise indem schneller die geeignete Behandlung oder der richtige Behandlungsort gefunden wird. Diese Steuerung innerhalb des Gesundheitssystems wird künftig eine zentrale Rolle spielen.

Ähnliches gilt für die medizinische Forschung. Gesundheitsdaten eröffnen uns heute Möglichkeiten, die früher nur durch aufwendige Forschungsprojekte oder große klinische Untersuchungen zugänglich waren. Ich erinnere mich beispielsweise an die Corona-Pandemie und die Diskussion über Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern im Zusammenhang mit Corona-Impfstoffen. Mithilfe israelischer Gesundheitsdatenbanken konnten entsprechende Fälle relativ schnell identifiziert und ihre Krankheitsverläufe untersucht werden.

Dabei zeigte sich, dass solche Ereignisse zwar auftreten können, aber selten sind und die Verläufe häufig günstig ausfallen. Die gewonnenen Erkenntnisse ermöglichten eine bessere Einordnung dieser Risiken und der Frage, ob daraus Konsequenzen für den weiteren Einsatz der Impfstoffe gezogen werden mussten. Das zeigt beispielhaft, welche Erkenntnisse wir aus großen Gesundheitsdatenbeständen gewinnen können.

Natürlich besteht deshalb ein großes Interesse daran, Zugang zu diesen Daten zu erhalten. Diese Datenbestände müssen kontinuierlich erweitert und aktualisiert werden. Es geht nicht allein um die Daten eines einzelnen Krankenhauses oder einer einzelnen Arztpraxis, sondern um die Gesamtheit der Gesundheitsdaten innerhalb eines Gesundheitssystems.

© iStock Sansert Sangsakawrat: Große Fortschritte macht die KI im Gesundheitswesen.

Auch auf europäischer Ebene arbeiten wir daran, Gesundheitsdaten länderübergreifend besser verfügbar und nutzbar zu machen. Europa verfügt aufgrund seiner sozialen Sicherungssysteme über besonders umfangreiche und langfristige Gesundheitsdatenbestände. In vielen Fällen lassen sich Krankheitsverläufe über große Teile des Lebens nachvollziehen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Krankenversicherung in den europäischen Sozialsystemen grundsätzlich umfassender und kontinuierlicher ausgestaltet ist. In anderen Ländern, beispielsweise in den USA, ist die Krankenversicherung teilweise stärker an ein bestehendes Arbeitsverhältnis gebunden. Wenn Menschen dort schwer erkranken und möglicherweise ihren Arbeitsplatz verlieren, kann dies auch Auswirkungen auf ihren Krankenversicherungsschutz und die kontinuierliche Dokumentation ihrer Gesundheitsdaten haben. Dadurch können wichtige Informationen über Krankheitsverläufe, Behandlungsergebnisse und langfristige Entwicklungen verloren gehen oder schwerer zugänglich werden. Die umfangreichen europäischen Gesundheitsdaten sind deshalb auch international von großem Interesse.

Damit verbunden ist allerdings eine erhebliche Gefahr: Diese Daten können in falsche Hände geraten oder für wirtschaftliche und kriminelle Zwecke missbraucht werden. Ich habe zunächst die positiven Möglichkeiten beschrieben: eine gezieltere Gesundheitsversorgung, die schnellere Erkennung der Schwere einer Erkrankung, die bessere Zuordnung zu geeigneten Versorgungsstrukturen und die Unterstützung bei der Entwicklung neuer Medikamente. Aber selbstverständlich gibt es auch die Schattenseiten dieser Entwicklung. Und genau an dieser Stelle kommen Datenschutz und Cybersicherheit ins Spiel.

Wir sehen auf unterschiedlichen Ebenen Cyberangriffe, deren Ziel es ist, Zugang zu sensiblen Gesundheitsdaten zu erlangen. Gesundheitsdaten sind außerordentlich wertvoll. Gerade deshalb sind sie auch für kriminelle Akteure interessant. Sie können missbraucht, unrechtmäßig vermarktet oder zur Erpressung verwendet werden. Betroffene Menschen können dadurch besonders verletzlich werden, weil Gesundheitsinformationen sehr persönliche Lebensumstände betreffen und ihre weitere Lebenssituation erheblich beeinflussen können.

Thomas Klug: Wie bewerten Sie die Beteiligung der Polizei Köln und des Kooperationspartners daten-strom am diesjährigen Ärztekongress? Welchen Beitrag können solche Allianzen zur Sensibilisierung der Ärzteschaft im Rheinland leisten?

Prof. Dr. Gisbert Knichwitz: Wichtig ist zunächst, dass wir ein Thema, mit dem wir uns bereits vor drei Jahren beschäftigt haben, mit Ihrer Unterstützung wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Wir haben festgestellt, dass die Aufmerksamkeit für diese Problematik zwischenzeitlich nachgelassen hat. Deshalb müssen wir die Gefahren durch Cyberkriminalität dringend wieder stärker in den Mittelpunkt stellen. Eigentlich ist es schon fünf nach zwölf.

„Eigentlich ist es schon fünf nach zwölf.“

Wir befinden uns hier in Bonn in unmittelbarer Nähe eines großen Telekommunikationsunternehmens. Wenn man sich vor Augen führt, dass dort täglich von Zehntausenden Hackerangriffen berichtet wird – beispielsweise von 30.000 oder 40.000 Angriffen –, verdeutlicht das die Dimension der Bedrohung. Das ist eine enorme Größenordnung. Der Schutz von Patientendaten beginnt bereits ganz am Anfang der Verarbeitungskette. Das betrifft die Arztpraxis ebenso wie das Krankenhaus, möglicherweise auch die Patientinnen und Patienten selbst, die eingesetzten Lesegeräte und sämtliche weiteren Komponenten, über die Gesundheitsdaten überhaupt in die digitalen Systeme gelangen. Bereits an diesen Schnittstellen müssen Datenschutz und Informationssicherheit gewährleistet sein, damit die Patientendaten geschützt bleiben. Das bedeutet, dass wir unmittelbar dort ansetzen müssen, wo die Daten verarbeitet werden und die Menschen mit den Systemen arbeiten – gewissermaßen an der operativen Front. Dafür benötigen wir als Ärztekammer auch eine industrieunabhängige Beratung.

Die Polizei ist dabei einer der besten Partner, weil sie über umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit Cyberkriminalität verfügt und medizinische Einrichtungen bei der Prävention unterstützen kann. Es geht beispielsweise darum, typische Fehler und Sicherheitsrisiken zu erkennen, bevor daraus ernsthafte Probleme entstehen. Die neutrale Perspektive und die praktischen Erfahrungen aus der polizeilichen Arbeit sind dabei besonders wertvoll. Von diesen Erkenntnissen können auch andere profitieren. Sie helfen uns, die Problematik wieder stärker in die Öffentlichkeit und insbesondere in das Bewusstsein der Ärzteschaft zu bringen.

Thomas Klug: Können Sie sich vorstellen, dass Themen wie Cyberprävention, IT-Notfallvorsorge und digitale Resilienz künftig einen noch größeren Stellenwert im Fortbildungsangebot für Ärztinnen und Ärzte einnehmen? Wie beurteilen Sie die Idee, im Jahr 2027 die Resilienz medizinischer Einrichtungen stärker in den Mittelpunkt gemeinsamer Informations- und Fortbildungsaktivitäten zu stellen?

Prof. Dr. Gisbert Knichwitz: Ich habe Ihre Arbeit hier am Kongressstand gesehen, und das hat mich ausgesprochen positiv motiviert. Wir hatten bereits im vergangenen Jahr versucht, dieses Thema erneut aufzugreifen. Ich möchte Ihnen deshalb in Aussicht stellen, dass wir es jetzt im Fortbildungsausschuss für 2027 wieder auf die Agenda setzen werden.

Wir werden prüfen und daran arbeiten, entsprechende Unterrichtseinheiten für Arztpraxen, Krankenhäuser, Ärztinnen und Ärzte sowie medizinische Fachangestellte anzubieten, um die IT-Sicherheit in den Gesundheitseinrichtungen zu stärken. Dabei geht es insbesondere um ganz praktische Fragen: Worauf muss ich im beruflichen Alltag achten, damit unsere Computersysteme nicht angegriffen oder kompromittiert werden? Welche Verhaltensweisen und Schutzmaßnahmen helfen dabei, Cyberangriffe zu verhindern? Einen entsprechenden Kurs werden wir auf die Beine stellen.

Ein Curriculum haben wir bereits vorbereitet. Dieses müssen wir lediglich noch einmal anpassen und gemeinsam mit Ihnen besprechen. Mir ist dabei auch die Zusammenarbeit mit der Polizei sehr wichtig. Wir arbeiten bereits seit längerer Zeit erfolgreich mit der Polizei zusammen, beispielsweise im Bereich des Deeskalationstrainings. Mit dem Projekt „Sicher im Dienst“ haben wir ebenfalls sehr gute Erfahrungen gemacht. Ein gemeinsames Fortbildungsangebot zur Cybersicherheit könnte nun ein weiteres großes Projekt mit der Polizei werden. Es liegt mir sehr am Herzen, die Polizei dabei als Partner einzubinden und das Bewusstsein für dieses wichtige Thema wieder deutlich zu schärfen.

Thomas Klug: Herr Professor Knichwitz, herzlichen Dank für das freundliche und aufschlussreiche Interview.

Das Interview führte Thomas Klug, Geschäftsführer der daten-strom.Medical-IT-Services GmbH, am 10. Oktober 2026 im Rahmen des Ärztekongresses ä26 in Bonn.

Ein wichtiges Signal für die Zukunft

Die Aussagen von Professor Knichwitz verdeutlichen, dass Cybersicherheit, digitale Resilienz und der verantwortungsvolle Umgang mit Gesundheitsdaten künftig einen noch größeren Stellenwert in der medizinischen Fort- und Weiterbildung einnehmen sollen.

Besonders die angekündigte Wiederaufnahme eines entsprechenden Curriculums für 2027 ist ein wichtiges Signal. Sie eröffnet die Perspektive, polizeiliche Prävention, unabhängige Expertise zur Informationssicherheit und ärztliche Fortbildung enger miteinander zu verbinden.

Denn eine sichere Digitalisierung des Gesundheitswesens erfordert mehr als leistungsfähige Technologien: Sie benötigt sensibilisierte Menschen, wirksame Schutzmaßnahmen und medizinische Einrichtungen, die auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben.

Weiterführender Beitrag: Ärztekongress ä26: Polizei Köln und daten-strom setzen gemeinsam ein Zeichen für Cybersicherheit und digitale Resilienz

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