Telematik: Rollout des eHealth-Konnektors und TI-Anwendungen in den Startlöchern!

Die Datenautobahn im Gesundheitswesen „Telematik“ wird weiter ausgebaut. Nun steht für viele Praxen das Software-Update des Konnektors zum E-Health-Konnektor an und der Weg wird frei für weitere Anwendungen in der TI wie z. B. die elektronische AU und der Kommunikationsdienst „KIM“. Was die nächsten Schritte für die Niedergelassenen sind bzw. welche finanzielle Förderung den Weg unterstützen wird, erklärt uns Claudia Pintaric, verantwortlich für die Beratung der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten bei der KVNO (Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein) in einem aktuellen Interview.

Von Thomas Klug, datenstrom Medical-IT-Services

Klug: Frau Pintaric, seit dem letzten Interview zum Thema "Telematik und Co." ist mittlerweile mehr als ein Jahr vergangen und es hat den Anschein, dass die digitale Autobahn für die Leistungserbringer weiter an Fahrt aufnimmt. Nach dem ungeliebten VSDM folgen nun weitere Anwendungen in der TI. Welche werden das sein?

Claudia Pintaric: Nachdem es im sogenannten Basis-Rollout der TI ausschließlich um den Abgleich von Versichertenstammdaten ging, kommen in diesem Jahr endlich die ersten medizinischen Anwendungen, die einen Mehrwert für Behandler und Patienten bringen sollen.

Zum einen geht es um das Notfalldatenmanagement (NFDM), welches in Notfallsituationen relevante medizinische Informationen verfügbar machen soll. Hierbei spielt insbesondere die Erstversorgung durch den Notarzt oder Rettungssanitäter, die Versorgung außerhalb der Sprechzeiten sowie die Notaufnahme in einem Krankenhaus eine große Rolle.

Eine weitere Anwendung ist der elektronische Medikationsplan (eMP). Ziel des eMP ist die Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit durch die Speicherung von Informationen zur medikamentösen Behandlung. Der eMP soll insbesondere helfen, Wechselwirkungen von Arzneimitteln schnell zu erkennen und Doppelverordnungen zu vermeiden. Im Gegensatz zum bundeseinheitlichen Medikationsplan, der vorrangig den Patienten Informationen zur richtigen Medikamenteneinnahme zur Verfügung stellt, hat der eMP Informationen für Ärzte und Apotheker im Fokus.

Beide Anwendungen, sowohl NFDM als auch eMP werden auf der Gesundheitskarte des Patienten gespeichert und sind für die Versicherten freiwillig.


Thomas Klug: Was benötigen die Praxen um das NFDM und eMP umzusetzen? Welche Steps sind dieses Jahr noch notwendig oder sinnvoll?

Claudia Pintaric: Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch kein flächendeckender Einsatz möglich. Das liegt daran, dass für die Nutzung des Notfalldatenmanagements und des elektronischen Medikationsplan sowohl ein Upgrade des Konnektors in den Praxen erfolgen muss als auch ein Update des jeweiligen Praxisverwaltungssystems, damit dieses die neuen Anwendungen bedienen kann. Es bieten noch nicht alle Softwarehersteller dieses Update an, auch haben zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht alle Konnektorhersteller eine Zulassung für das Upgrade zum eHealth-Konnektor. Hinzu kommt, dass insbesondere der elektronische Medikationsplan standardmäßig mit einer Patienten-PIN ausgeliefert werden soll. Diese PIN müssen die Krankenkassen an ihre Versicherten versenden. Dies soll nach unseren Informationen Ende 2019 bzw. Anfang 2020 erfolgen.

Um die Frage zu beantworten, hängt es also davon ab, wann eine Praxis in die medizinischen Anwendungen einsteigen kann. Wenn die technischen Voraussetzungen gegeben sind, müssen Ärzte laut dem Patientendatenschutzgesetz (PDSG), welches im Oktober in Kraft getreten ist, auf Wunsch des Patienten sowohl einen Notfalldatensatz als auch den elektronischen Medikationsplan anlegen, denn Versicherte haben Anspruch auf die Erstellung und Aktualisierung der Anwendungen auf ihrer Gesundheitskarte.


Thomas Klug: Wie kann denn aus einem VSDM-Konnektor ein eHealth-Konnektor werden? Was muss die Praxis dafür tun?

Claudia Pintaric: Die in den Praxen installierten Konnektoren werden durch ein Upgrade zum eHealth-Konnektor. In der Regel sollten Praxen dieses Upgrade, sobald es verfügbar ist, automatisch erhalten. Praxen, welche diesbezüglich noch nichts von ihrem Softwarehaus oder Dienstleister gehört haben, sollten beim Ansprechpartner nachfragen. In der Regel kann die Praxis die Installation selber durchführen, so dass dafür kein Dienstleister in die Praxis kommen muss.


Thomas Klug: Ein eHealth-Konnektor und ein Update des PVS alleine reicht doch nicht aus um die neuen TI-Anwendungen in der Praxis zu implementieren. Was müssen insbesondere Ärzte in Ihrer Praxis noch vorbereiten?

Claudia Pintaric: Um die neuen medizinischen Anwendungen nutzen zu können, ist die Beschaffung der noch fehlenden erforderlichen Komponenten erforderlich. Das sind zum einen die bereits erwähnten Upgrades des Konnektors sowie des Praxisverwaltungssystems. Darüber hinaus ist für das Anlegen, Auslesen und Aktualisieren der Informationen des NFDM und des eMP ein elektronischer Heilberufeausweis (eHBA) der Generation 2 erforderlich. Dieser kann über das Online-Portal der Ärztekammer bestellt werden. Es kann zwischen mehreren Anbietern, die einen eHBA G2 ausgeben, gewählt werden. Ärzte, die einen eHBA der Geneneration 0 von medisign im Einsatz haben, können nach Angaben des Anbieters auch innerhalb der Mindestvertragslaufzeit ohne Zusatzkosten zur neuen Generation 2 wechseln. Praxen sollten sich darüber hinaus Gedanken machen, ob sie noch zusätzliche Kartenterminals benötigen. Hintergrund ist, dass in der Regel die Anlage und Aktualisierung des NFDM und eMP in den Behandlungsräumen stattfinden wird. Daher empfiehlt es sich, diese dann auch mit Lesegeräten auszustatten. Sobald die technischen Voraussetzungen in den Praxen vorhanden sind, sollten diese einen Antrag auf Förderung bei der KV Nordrhein einreichen. Der Antrag kann online auf der Seite www.onlinerollout.de aufgerufen werden.


Thomas Klug: Apropos „Förderung“: Ärzte und Psychotherapeuten sollen ja möglichst nicht auf den Kosten des E-Health-Updates für den Konnektor und deren Lizenzierung der Anwendungen sitzen bleiben. Wie genau sieht die konkrete Förderung für die Praxen aus?

Claudia Pintaric: Alle Praxen erhalten eine einmalige Pauschale in Höhe von 530 Euro, sobald sie die Anwendungen NFDM und eMP nutzen können. Außerdem gibt es Pauschalen für weitere stationäre Kartenterminals: je angefangene 625 Betriebsstättenfälle erhält eine Praxis Anspruch auf ein weiteres Lesegerät in Höhe von 535 Euro. Darüber hinaus gibt es einen Zuschlag zur Betriebskostenpauschale in Höhe von 4,50 je Quartal.

Zusätzlich können Praxen Gebührenordnungspositionen abrechnen. Für die Anlage des NFDM erhalten Ärzte 80 Punkte, für den Zeitraum vom 15.10.2020 bis zum 15.10.2021 sogar doppelt so viel. Für die Überprüfung und Aktualisierung des NFDM gibt es 4 Punkte als pauschalen Zuschlag, einmal im Behandlungsfall, der von der KV automatisch zugesetzt wird. Für die Erstellung des eMP können 39 Punkte abgerechnet werden, extrabudgetär einmalig im Laufe von vier Quartalen. Aktualisierungen sind damit abgegolten.


Thomas Klug: Noch ein Blick auf die sprechende Medizin und somit auf die niedergelassenen Psychologischen Psychotherapeuten. Inwiefern ist diese Fachgruppe in die neuen TI-Anwendungen eingebunden?

Claudia Pintaric: Psychotherapeuten sind von den neuen Anwendungen in einem geringeren Umfang betroffen als Ärzte. Was den Notfalldatensatz angeht, soll die Anlage ausschließlich von Ärzten erfolgen, die einen umfassenden Überblick über Befunde, Diagnosen und Therapiemaßnahmen des Patienten haben. Jedoch können Psychotherapeuten mit der Einwilligung des Patienten den Notfalldatensatz einsehen. Ähnlich verhält es sich mit dem elektronischen Medikationsplan. Dieser kann von Ärzten und Apothekern gespeichert werden und von Psychotherapeuten mit dem Einverständnis des Versicherten eingesehen werden. Einen Anspruch auf die Anlage eines NFDM und eMP haben Patienten nur Ärzten gegenüber.


Claudia Pintaric, verantwortlich für die Beratung der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten bei der KVNO (Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein)

Thomas Klug: Last but not least möchte ich noch auf den neuen Kommunikationsstandard KIM zu sprechen kommen. Dieser soll ja für alle Fachgruppen sinnvoll sein. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Claudia Pintaric: Für den neuen Dienst Kommunikation im Medizinwesen (KIM) wird es auch mehrere Anbieter geben. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es aber nur einen zugelassenen KIM-Dienst von der CompuGroup. Die weiteren Anbieter, darunter auch der Dienst kv.dox von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung stehen aber in den Startlöchern.

KIM soll insbesondere eine sichere und vertrauliche Kommunikation zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen ermöglichen. Die Fälschungssicherheit von Nachrichten wird dabei durch elektronische Signaturen sichergestellt, hierbei kommt der elektronische Heilberufeausweis ins Spiel. Dieser wird zum Beispiel für den Versand von elektronischen Arztbriefen und im kommenden Jahr für den Versand der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von den Arztpraxen an die Krankenkassen benötigt. Insbesondere der Versand von elektronischen Arztbriefen bringt aber erst dann einen Mehrwert in Praxen, wenn ein flächendeckender Einsatz möglich ist. Dieser ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegeben, da der Großteil der Praxen immer noch Arztbriefe per Fax versendet und empfängt. Das heißt, wenn ich als Praxis jetzt auf den Zug aufspringen möchte, kann ich eArztbriefe noch lange nicht mit allen Kollegen austauschen und muss immer unterscheiden zwischen der elektronischen Variante und dem altbewährten Fax. Was die elektronische AU angeht, sieht es derzeit so aus, dass die gesetzliche Verpflichtung für Praxen vermutlich vom 01.01.2021 auf den 01.10.2021 verschoben wird, da die technischen Voraussetzungen nicht rechtzeitig umgesetzt sein werden.

Praxen sollten sich daher gut überlegen, wann sie in den Kommunikationsdienst einsteigen und ab welchem Zeitpunkt sie einen eHBA benötigen. Wobei für ärztliche Praxen der eHBA im Zusammenhang mit der Nutzung des NFDM und eMP erforderlich wird. Bei psychotherapeutischen Praxen hingegen besteht aus meiner Sicht derzeit keine zwingende Notwendigkeit, zumal Psychotherapeuten den elektronischen Psychotherapeutenausweis der Generation 2 benötigen, der zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verfügbar ist.

Thomas Klug: Frau Pintaric, vielen Dank für das interessante und aufschlussreiche Interview.

Foto: Claudia Pintaric, verantwortlich für die Beratung der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten bei der KVNO (Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein)

Zurück