KV Nordrhein informiert über elektronische Patientenakte: ePA – Übel oder Zaubertrank?

Kommt die elektronische Patientenakte (ePA) 2021? Ja - wenn es nach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geht. Dann sollen ab Januar Patienten Befunde, Diagnosen, Röntgenbilder oder Medikationspläne auf ihrer digitalen Akte zentral speichern lassen können.

Die KV Nordrhein informierte am 14. August 2020 zusammen mit dem health innovation hub (hih) in Düsseldorf und Berlin in einem Live-Stream mit großer Experten-Runde über die ePA. Weit über 500 Teilnehmer sahen live zu – und diskutierten kontrovers.

Wie hoch ist der Aufwand für meine Praxis? Wie viele Patienten werden die ePA nutzen? Brauchen wir diese Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem überhaupt? Die ePA wirft noch
viele Fragen auf, wie die rege Diskussion unter den Teilnehmenden des ePA-Dialogs zeigte.
„Manchmal ist es der Zaubertrank, der alle Probleme im Gesundheitswesen löst. Mal ist es das Übel, das das Leben nur schwerer macht“, konstatierte Dr. Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter Digitalisierung und Innovation beim Bundesgesundheitsministerium (BMG). Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann, betonte: „Niemand bestreitet, dass die Digitalisierung notwendig ist.“ Allerdings fühlten sich viele Niedergelassene nicht ausreichend gewappnet für die Einführung der ePA.

„Was bedeutet Digitalisierung für uns, aber auch für die Patientinnen und Patienten? Und wie kann sie uns helfen? Das wollen wir als KV Nordrhein zusammen mit Partnern wie dem hih heute und mit weiteren Veranstaltungen in diesem Jahr ändern“, so Bergmann.

E-Health-Expertenrunde
Mit dem ePA-Dialog setzte die KVNO eine digitale Großveranstaltung um: Gesendet wurde aus zwei Studios. In Düsseldorf saßen der Vorstand der KV Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann und Dr. Carsten König, Prof. Jörg Debatin vom hih, E-Health-Experte Gilbert Mohr sowie Moderator Frank Naundorf, beide von der KVNO. Aus Berlin zugeschaltet waren Dr. Gottfried Ludewig, BMG, Dr. Philipp Stachwitz, hih, sowie Dr. Markus Leyck Dieken und Charly Bunar von der gematik. Aus der Schweiz meldete sich in einem Videobeitrag Dr. Philipp Kirchner, hih.

„Es ist nicht alles perfekt zu Beginn. Aber wir sind der Überzeugung, dass Digitalisierung nicht warten kann, bis auch das letzte Detail reibungslos funktioniert“, griff Dr. Gottfried Ludewig direkt einen der Hauptkritikpunkte der medizinischen Digitalisierung auf: zu schnelle Umsetzung der ePA bei zu vielen technischen Problemen. Nicht zuletzt die größere Störung in der TI hatte Kritikern neue Argumente geliefert. „Wir wollen nicht, dass uns der digitale Wandel von außen vorgegeben und von großen Konzernen diktiert wird, sondern von den Gesetzlichen Krankenkassen und der Selbstverwaltung. Damit unser Gesundheitssystem auch 2030 noch besteht – deshalb bringen wir diese Geschwindigkeit rein“, so der Abteilungsleiter Innovation und Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium.

Der Nutzen der ePA
Bergmann bemerkte: „Die Digitalisierung ist doch überall da. Es wird digital diagnostiziert und dokumentiert, nur in der Kommunikation wird wieder ausgedruckt und auf analog umgeschaltet.“ Patienten trügen heute noch „wie Briefträger braune Umschläge von Arzt zu Arzt“.

„Die ePA hilft uns dabei, uns als Ärzte zum Wohle des Patienten besser zu vernetzen“, sagte der Anästhesist und Schmerztherapeut Dr. med. Philipp Stachwitz. Und wenn Technik den Praxisalltag sinnvoll unterstütze, würde sie auch genutzt, war Bergmann sicher.

Mit Einführung der ePA zum Jahreswechsel sollen erstmals behandlungsrelevante Dokumente sektorenübergreifend verfügbar werden. Krankenhäuser, Apotheker und Ärzte können dann Daten einstellen und einsehen. Die gesetzlichen Krankenkassen können lediglich Dokumente hochladen. Die elektronische Patientenakte soll dann nach und nach erweitert werden.

2022 kommen die medizinischen Informationsobjekte (MIO) Mutterpass und Impfpass hinzu, der Nutzerkreis erweitert sich auf Physiotherapeuten und Hebammen. Die Daten der ePA sollen dann 2023 auch für Forschungszwecke genutzt werden können. 2024 ist die Anbindung an grenzüberschreitende eHealth-Anwendungen geplant. „Die ePA wird zum Hafen, an den immer mehr Speedboote andocken werden, wenn wir künftig auch auf europäische Datenbanken zugreifen können“, beschrieb gematik-Geschäftsführer Dr. med. Markus Leyck Dieken.

Doch wie kann ärztliches Handeln an der ePA ausgerichtet werden, wenn der Patient Inhalte verändern und löschen kann? Eine Frage, die im Chat viele interessierte. Der Patient entscheidet zwar, was in die ePA kommt und wer die Dokumente einsehen darf. Aber Prof. Jörg Debatin stellte klar: „Es ist technisch unmöglich, dass der Patient einzelne Dokumente verändert.“ Dr. med. Carsten König ergänzte: „Wir haben heute noch mal deutlich erfahren, dass nicht wir als Ärztinnen und Ärzte haften, wenn der Patient meint, dass wir nicht alle Befund erhalten sollen.“

Damit richtete der KVNO-Vize den Blick auf ein weiteres großes Thema im Zusammenhang mit der ePA: Haftung, Datenschutz und -sicherheit. Rechtsanwalt Philipp Kircher stellte klar: „Ärzte sind nur für Daten verantwortlich, die sie in ihrem Praxisverwaltungssystem verarbeiten, also für Up- und Downloads in und aus der ePA.“

Weniger Haftungsrisiken?
Der hih-Experte glaubt sogar, dass sich künftig möglicherweise Haftungsrisiken vermindern, „weil durch die verfügbaren behandlungsrelevanten Informationen Behandlungsfehler vermieden werden können“. Allerdings war das Patientendatenschutzgesetz (PDSG) bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht verabschiedet. So fehlt noch der rechtliche Rahmen für die ePA.

Trotz aller Unwägbarkeiten glaubt Radiologe Prof. Jörg Debatin daran, dass die ePA schnell erfolgreich sein wird. „Die Corona-Pandemie hat erstmals digitale Anwendungen für Patienten und Ärzte erlebbar gemacht. Das hat die Einstellung massiv verändert“, so der hih-Chairman. Im Januar hätten lediglich 1.500 Niedergelassene eine Videosprechstunde angeboten, jetzt seien es 130.000. „Weil die Patienten das wollen. So wird es auch bei der ePA sein.“ Und das sei der Kern der Sache. „Wir als Ärzte müssen es als unsere Aufgabe begreifen, dieses Tool weiterzuentwickeln –
im Sinne unserer Patienten.“

Weiterführende Informationen:
KVNO aktuell 9+10 | 2020 (PDF, 4 MB)

Quelle Logo, Grafiken und Text: KV Nordrhein
Weitere Infos hier: 02191 46127-0

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