Bis Ende September rund 90% der Praxen an die TI angeschlossen!

Über die Beweggründe und wie der aktuelle Fahrplan aussieht, darüber gab uns Frau Claudia Pintaric, Abteilungsleiterin IT-Kundendienste der KVNO (Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein) in einem aktuellem Interview ein Update.

Von Thomas Klug, datenstrom Medical-IT-Services

datenstrom: Frau Pintaric, das letzte Interview zum Thema "Telematik und Co." titelte mit der Überschrift "Telematik-Bestellungen bis zum 31.03.2019 und Installationstermin bis zum 30.06.2019 – sonst drohen Sanktionen". Viele Praxen in Nordrhein hatten die Telematik bis zum 30.06.19 noch nicht final installiert bekommen und haben erst im 3. Quartal einen Installationstermin. Werden diese Praxen dennoch sanktioniert?

Claudia Pintaric: Bei der KV Nordrhein bleiben alle Praxen, die bis zum 31. März 2019 die TI-Komponenten bestellt und bei der KV Nordrhein die entsprechende Erklärung eingereicht haben, ohne Sanktion, wenn sie erstmalig im 3. Quartal 2019 Versichertendaten online abgleichen.


datenstrom: Und was passiert, wenn das Softwarehaus nicht in der Lage ist die Telematik im 3. Quartal auszuliefern?

Claudia Pintaric: In diesem Fall sollte sich die Praxis unbedingt eine schriftliche Bestätigung von Ihrem Softwarehaus geben lassen, dass eine Installation auch im 3. Quartal nicht durchgeführt werden kann. Diese Bestätigung senden Praxen dann an die E-Mail-Adresse ti-antrag.duesseldorf@kvno.de.


datenstrom: D. h. die Praxen die frühestens erst im 4. Quartal die erste eGK über die Telematik einlesen, werden rückwirkend zum 01.01.19 bis Ende 3. Quartal mit 1% Honorarabzug bestraft?

Claudia Pintaric: Ja, das ist korrekt, sofern die Praxis uns nicht bestätigen kann, dass das Verschulden beim Softwarehaus liegt und ein VSDM für das 3. Quartal nicht nachgewiesen hat, müssen wir aufgrund gesetzlicher Vorgaben das Honorar rückwirkend zum 01.01.2019 kürzen und zwar so lange, bis der erste VSDM durchgeführt wird. Ausgenommen davon sind lediglich Praxen ohne Patientenkontakt, ermächtigte Ärzte, Notfallambulanzen und ausschließlich reisende Anästhesisten.


datenstrom: Noch ein anderes aktuelles Beispiel: am 01.09.19 bekommt ein KVNO-Mitglied einen neuen Kassensitz und startet mit der Praxis im selben Monat. Die Telematik würde sie aber erst im 4. Quartal angeschlossen bekommen - leider nicht früher. Muss diese Praxis damit rechnen, dass sie für das 3. Quartal ein Honorarkürzung über 1% hinnehmen muss?

Claudia Pintaric: Praxen, die sich neu niederlassen, sollten möglichst darauf achten, dass sie im Quartal der Niederlassung auch an die TI angeschlossen werden und einen ersten VSDM durchführen. In den meisten Fällen wird bei einer Niederlassung eine Praxis übernommen, zukünftig sollte in Praxen daher bereits die TI vorhanden sein und im Regelfall kann die Hardware dann übernommen werden. Sollte es insbesondere aufgrund der jetzigen Engpässe dazu kommen, dass die Praxis nicht im Quartal der Niederlassung angeschlossen werden kann, gilt hier auch folgendes: Die Praxis sollte uns unbedingt eine Bestätigung des Softwarehauses dazu einreichen, so dass der spätere Anschluss nicht zu Lasten der Praxis geht.


datenstrom: Was sagt denn im Moment die TI-Statistik: Wieviele Praxen haben sich bereits an die Telematik anschließen lassen?

Claudia Pintaric: Ende Juli waren in Nordrhein knapp über 60 Prozent aller Praxen an die TI angeschlossen. Viele Praxen haben uns mitgeteilt, dass sie von ihrem Dienstleister einen Installationstermin im 3. Quartal erhalten haben. Wir gehen derzeit davon aus, dass Ende September rund 90 Prozent unserer Mitglieder mit der notwendigen Technik ausgestattet sind.


datenstrom: Die Niedergelassen beklagen, dass sie nach der TI-Installation zwar rasch die Rechnung des PVS-Herstellers erhalten, aber die Erstattung durch die KV würde Monate dauern...

Claudia Pintaric: Praxen müssen uns ja den Anschluss an die TI nachweisen, um die Pauschalen zu erhalten. Das machen Sie bei der KV Nordrhein entweder über ein Antragsformular, nachdem sie den ersten VSDM-Abgleich durchgeführt haben oder wenn sie uns keinen Antrag einreichen, prüfen wir automatisch mit der nächsten Abrechnung, ob der notwendige Abgleich vorliegt. Die zweite Variante dauert natürlich länger als die Antragsvariante. Aber auch bei der Antragsvariante benötigen wir aufgrund der Masse an Anträgen, die uns derzeit vorliegen, einige Wochen bis zur Auszahlung. Wir arbeiten alle Anträge so schnell wie möglich ab. Je nachdem wie die Zahlungsziele der PVS-Hersteller aussehen, müssen die Praxen jedoch in Vorleistung treten. Die Antragsvariante bieten nicht alle Kassenärztlichen Vereinigungen an, so dass es sein kann, dass in anderen KV-Bereichen aufgrund der alleinigen Möglichkeit über die Abrechnungsvariante tatsächlich einige Monate bis zur Auszahlung vergehen können.


Claudia Pintaric, Abteilungsleiterin IT-Kundendienste der KV-Nordrhein © C. Pintaric

datenstrom: Nun hat sich am 22.08.19 der GKV-Spitzenverband und die KBV auf eine neue Finanzierungspauschale geeinigt. Vorausgegangen war ein Streit über eine mögliche Absenkung des Pauschalenbetrages für den Konnektor. Erst ab 1. Januar 2020 erfolgt nun eine Absenkung auf 1.014 Euro. Ich glaube das ist eine gute Nachricht für die Praxen, die sich noch in diesem Jahr anschließen wollen…

Claudia Pintaric: Es ist zumindest ein guter Kompromiss. Die Krankenkassen wollten ja die Pauschalen für den Konnektor um 40 Prozent senken und das rückwirkend zum 01.07.2019. Die Begründung dieser Forderung resultierte aus dem Angebot eines bestimmten Konnektors, welcher preislich deutlich unterhalb der derzeitigen Pauschale liegt. Die KBV hat diese Forderung abgelehnt. Insbesondere die rückwirkende Senkung der Pauschalen hätte dazu geführt, dass Praxen, welche die TI bereits bestellt haben, aber nicht bis 30.06.2019 installiert haben, auf Kosten sitzen geblieben wären. Bei den Verhandlungen konnte man sich jetzt auf eine Absenkung auf 1.014 Euro einigen, die aber erst ab dem kommenden Jahr greifen wird. So haben zumindest alle Praxen, die bis Ende des Jahres angeschlossen werden – und das wird der Großteil sein – keine Verluste aufgrund der Konnektorpauschale zu befürchten. Die KBV konnte bei den Verhandlungen aber auch erreichen, dass die Pauschalen für die eHealth-Kartenterminals von derzeit 435 Euro erhöht werden auf 535 Euro. Diese Anhebung wird relevant für zusätzliche Kartenterminals, die im Rahmen der Einführung der medizinischen Anwendungen in den Behandlungsräumen benötigt werden.


datenstrom: Man hört immer wieder von Niedergelassenen, die einen Widerspruch gegen den Bescheid der KV Nordrhein zur Erstattung der Pauschalen für die Telematikinfrastruktur (TI) eingereicht haben. Kritisiert wird, dass die TI-Starterpauschale fast komplett von den PVS-Herstellern in Rechnung gestellt wird und der Praxis nichts verbliebe. Raten Sie Praxen zu diesem Widerspruch gegen den Honorar-Bescheid?

Claudia Pintaric: Praxen haben grundsätzlich die Möglichkeit, einen Widerspruch einzureichen, nachdem sie den Bescheid über die Pauschalenerstattung von uns erhalten haben. Der Widerspruch muss innerhalb eines Monats eingelegt werden. Wir prüfen und entscheiden dann im Einzelfall, ob der Widerspruch berechtigt ist. Aber nein, wir raten Praxen nicht aktiv dazu, einen Widerspruch einzureichen.


datenstrom: Wie geht es nun weiter mit der Digitalisierung? Das VSDM ist sicherlich nicht das Ende, sondern der Startschuss weiterer Anwendungen wie z. B. das Notfalldatenmanagement (NFDM) und elektronischer Medikationsplan (eMP)...

Claudia Pintaric: Ich hoffe sehr, dass das VSDM, welches ja noch nicht den tiefgreifenden Nutzen für Praxen und Patienten mit sich bringt, nicht das Ende ist und es jetzt zeitnah mit den medizinischen Anwendungen, die einen echten Mehrwert bringen, weitergeht. Das sind insbesondere der elektronische Medikationsplan und das Notfalldatenmanagement. Anwendungen, welche die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöhen und Doppelbehandlungen vermeiden können und in Notfällen auch dazu beitragen können, Leben zu retten. Beide Anwendungen sollen in diesem Jahr noch in Westfalen-Lippe in den Probebetrieb gehen. Mit den neuen Fachanwendungen haben Praxen dann auch Anspruch auf Pauschalen für zusätzliche Kartenterminals sowie erhöhte Betriebskostenpauschalen. Weitere Anwendungen, die auf dem Plan stehen, sind die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und das eRezept. Letzteres setzt vor allem auch voraus, dass Apotheken sich an die TI anbinden. Dies soll lt. Gesetz bis zum 31.03.2020 passieren.


datenstrom: Ein großer Kritikpunkt wird immer wieder genannt: Der Datenschutz wäre im Rahmen der Telematik nicht ausreichend. Wie reagieren Sie und Ihre Mitarbeiter auf diese Datenschutzbedenken?

Claudia Pintaric: Ja, diese Kritik wird insbesondere aufgrund von immer wiederkehrenden Berichten zu vermeintlichen Sicherheitslücken geübt. Selbstverständlich nehmen wir Bedenken unserer Mitglieder zu dem wichtigen Thema Datenschutz sehr ernst und wir wissen alle, dass in der heutigen digitalen Welt nichts hundertprozentig sicher ist. Aber definitiv wissen wir auch, dass diese Infrastruktur so sicher ist, wie es nach aktuellem Stand der Technik möglich ist. Dafür sorgen insbesondere BSI-Vorgaben. Auch sind die Fachanwendungen, Komponenten und Dienste entsprechend den gesetzlichen Vorgaben spezifiziert, dies umfasst auch die DSGVO. Was wir unseren Mitgliedern jedenfalls als Botschaft mitgeben können, ist, dass ihre Praxis mit dem Anschluss an die TI nicht unsicherer wird als vorher. Praxen, die vor der TI bereits mit ihrem Praxisnetz Zugang zum Internet hatten – und das sind laut unseren Informationen mindestens 90 Prozent gewesen – mussten bereits im Vorfeld für die Sicherheit sorgen. Der Konnektor, vorausgesetzt er wird korrekt installiert, macht die Praxis nicht unsicherer. Ich weiß, dass es Berichte gibt, nach denen die Praxisnetze nach der Installation der TI ohne den notwendigen Schutz waren. Nach unseren Erfahrungen handelt es sich hier um Einzelfälle und keinen Standard. Selbstverständlich sollten die Techniker bestens geschult sein, um auch komplexere Praxisnetzwerke ordnungsgemäß anzubinden.


datenstrom: Insbesondere bestimmte Verbände und Vereine schrecken nicht davor zurück, vermeintliche Datenschutz- und Datensicherheitsmängel anzuprangern. Stichwort: MEDI GENO Deutschland e. V. ...

Claudia Pintaric: Diese Verbände, von denen Sie sprechen, sorgen aus meiner Sicht in erster Linie dafür, dass Praxen zunehmend verunsichert werden und mit Sanktionen bestraft werden, die vermeidbar wären. Es wird suggeriert, dass mit einer Verweigerung Probleme gelöst werden oder gar die Telematik-Infrastruktur wieder gekippt werden könnte. Das sehe ich so nicht. Wir können den Praxen nicht ernsthaft und guten Gewissens empfehlen, zu verweigern, da eine mittel- und langfristige Verweigerung nicht nur Sanktionen nach sich zieht, sondern den Anschluss und die Teilnahme am zukünftigen digitalen Gesundheitswesen stark einschränkt. Die Telematik-Infrastruktur ist da und der weitere Ausbau dieser wird folgen und spätestens dann, wenn die medizinischen Anwendungen eingeführt werden, können Praxen sich meiner Meinung nach nicht mehr verweigern.


datenstrom: Die vielfach kritisierte ePA (elektronische Patientenakte) ist unter den Niedergelassenen noch weniger beliebt. Im jüngst verabschiedeten Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) setzt Jens Spahn weitere Eckpfeiler in der Digitalisierung. Welches Feedback erhalten Sie in dem Zusammenhang von den Mitgliedern Ihrer KV?

Claudia Pintaric: Das Gesetz sieht unter anderem Regelungen für die Erweiterung der Telematik-Infrastruktur als verpflichtendes digitales Netzwerk für den Gesundheitsbereich vor und die Weiterentwicklung der elektronischen Patientenakte. Es soll im Herbst beraten werden und voraussichtlich ab Anfang 2020 in Kraft treten. Herr Spahn sieht im neuen Gesetz auch vor, die Sanktionen ab März 2020 von einem Prozent auf 2,5 Prozent zu erhöhen. Des Weiteren sollen Praxen, welche ihren Patienten die ePA ab 01.07.2021 nicht anbieten, um weitere ein Prozent gekürzt werden. Diese Änderungen und insbesondere die ePA werden sicherlich für viel Zündstoff sorgen, aktuell scheint dies aber bei unseren Mitgliedern noch Zukunftsmusik zu sein, zumindest erhalten wir dazu kaum Anfragen und Feedback.


datenstrom: Was raten Sie den Praxen, die die Telematik weiterhin verweigern wollen?

Claudia Pintaric: Unser Ziel ist es, unsere Mitglieder neutral zu beraten. Wir sind weder Verfechter noch Gegner der TI, sondern als KV lediglich nur ein Bestandteil im System und genauso wie die weiteren Akteure verpflichtet, gesetzliche Vorgaben umzusetzen. Bei allem Für und Wider können wir die Praxen nur darauf hinweisen, welche Folgen eine Verweigerung kurz- und langfristig voraussichtlich haben wird. Und wie bereits erwähnt: Guten Gewissens können wir keiner Praxis zu einer Verweigerung raten.

datenstrom: Frau Pintaric, vielen Dank für das interessante und aufschlussreiche Interview.

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